Glauben Die Heiligen Der Letzten Tage, Dass Männer Und Frauen Götter Werden Können?
Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage glauben, daß menschliche Wesen geistig wachsen und fortschreiten können und so schließlich durch die Barmherzigkeit und Gnade Christi all das erben, was der Vater hat, sie können also Götter werden. Dies wird in den Offenbarungen, die neuzeitliche Propheten empfangen haben, gelehrt, (L&B 76:58,132:19-20) wie auch in Ansprachen, die Joseph Smith gegeben hat. Ein Zweizeiler von Lorenzo Snow, dem fünften Präsidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, lautet:
Wie der Mensch jetzt ist, war Gott einmal;
Wie Gott jetzt ist, kann der Mensch werden.10
Diese Lehre wird allgemein als Deifikation bezeichnet, und die Auffassung dieser Lehre der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wird oft entstellt und falsch verstanden. Die Heiligen der Letzten Tage glauben nicht, daß menschliche Wesen jemals unabhängig von Gott existieren, oder daß sie je aufhören, sich Gott zu unterwerfen. Sie glauben, daß das Gottwerden die Überwindung der Welt durch das Sühnopfer von Jesus Christus bedeutet. (1 Johannes 5:4-5; Offenbarung 2:7,11) So werden die Gläubigen Erben Gottes und Miterben Christi und werden alle Dinge erben, so wie Christus alle Dinge erbt. (Römer 8:17; Galater 4:7; 1 Korinther 3:21-23; Offenbarung 21:7) Sie werden aufgenommen in die „Gemeinschaft der Erstgeborenen”. Das will heißen, sie erben, als seien sie die Erstgeborenen. (Hebräer 12:23) Es gibt hier keine Einschränkungen der biblischen Aussagen. Diejenigen, die wie Gott werden, werden alle Dinge erben. In diesem glorreichen Zustand ähneln sie unserem Heiland; sie werden seine Herrlichkeit erhalten und eins mit ihm und dem Vater sein. (1 Johannes 3:2; 1 Korinther 15:49; 2 Korinther 3:18; Philipper 3:21)
LEHREN AUS ALTER ZEIT
Die Lehre der Vergötterung des Menschen ist nicht nur die exklusive Lehre der wiederhergestellten Kirche Jesu Christi. Man findet sie auch in der frühen christlichen Geschichte. Im zweiten Jahrhundert sagte Irenäus, der Bischof von Lyon, (etwa 130-200 nach Christus) der wichtigste christliche Theologe seiner Zeit, fast das Gleiche wie Lorenzo Snow:
Wenn das Wort Mensch wurde,
Dann können auch Menschen Götter werden.11
Weiterhin sagte Irenäus:
„Geben wir Gott die Schuld, weil wir nicht als Götter von Anfang an geschaffen wurden, sondern zuerst nur als Menschen und dann später als Götter? Obgleich Gott diesen Weg aus seiner Güte wählte, so daß ihn keiner anklagen würde wegen Diskriminierung oder Geiz, sagte er: „Ich habe gesagt, ihr seid Götter und ihr alle seid Söhne des Allerhöchsten” ---denn es war zuerst nötig, die Natur darzustellen, danach wurde das, was sterblich war, überwunden und verwandelt in Unsterblichkeit.12
Etwa zur gleichen Zeit schrieb Clement von Alexandrien (etwa 150-215 n.Chr.):
„Ja, ich sage das Wort Gottes wurde zum Menschen, so daß ihr von dem Menschen lernen könnt, wie man ein Gott wird.”13 Clement sagte auch: „Wenn man sich selbst kennt, kennt man Gott, und Gott kennen führt dazu, wie ein Gott zu werden. Er ist der Inbegriff der Schönheit, denn er ist Gott, und der Mensch wird ein Gott, weil Gott es will. Also hatte Heraklit recht, wenn er sagte: „Menschen sind Götter, und Götter sind Menschen”.14
Auch noch im zweiten Jahrhundert bestand Justin Martyr (100-165 n.Chr.) darauf, daß am Anfang „Menschen im Ebenbild Gottes geschaffen wurden, frei von Leid und Tod” und daß sie daher „auch würdig erschienen, Götter zu werden und die Macht besaßen, Söhne des Allerhöchsten zu werden.”15 Athanasius, Bischof von Alexandrien (etwa 296-373 n.Chr.) erklärte in ähnlichen Worten wie Lorenzo Snow seinen Glauben an die Vergötterung: „Das Wort ist Fleisch geworden, so daß wir fähig sind, Götter zu werden --- genau wie der Herr, der einen Körper annahm und so ein Mensch wurde. So sind wir Menschen sowohl vergöttert durch sein Fleisch und erben fortan ewiges Leben”.16 Bei einer anderen Gelegenheit bemerkte Athanasius: „Er wurde ein Mensch, so daß wir vergöttlicht werden können.”17 Schließlich sagte Augustin von Hippo (etwa 354-430 n.Chr.), der Größte der frühen Kirchenväter: „Aber er selbst, der rechtfertigt, der vergöttert auch, denn durch Rechtfertigung macht er Söhne Gottes. ,Denn er gab ihnen Macht, Kinder Gottes zu werden’ (Johannes 1:12) Wenn wir also zu Söhnen Gottes gemacht wurden, dann sind wir auch zu Göttern gemacht worden.”18
Alle fünf oben erwähnten Schreiber waren nicht nur orthodoxe Christen, sondern sie wurden auch mit der Zeit verehrt als Heilige. Drei der Fünf schrieben etwa hundert Jahre vor der Periode der Apostel, und alle Fünf glaubten an die Lehre der Vergötterung. Diese Lehre war ein Teil des historischen Christentums, bis etwa zur neuen Zeit, und sie ist immer noch eine wichtige Lehre in einigen Östlichen Orthodoxen Kirchen. Ein Schreiber berichtet, daß ein fundamentales Prinzip der Orthodoxie in der partristischen Periode der Geschichte des Universums „die Geschichte des Universums als die Geschichte der Vergöttlichung und der Erlösung betrachtete.” Als Folge davon beschlossen die frühen christlichen Väter, „weil der Geist wahrer Gott ist, sind wir auch wahrlich vergöttlicht durch die Gegenwart des Geistes.”19
Das Westminster Wörterbuch der christlichen Theologie enthält den folgenden Artikel, genannt „Vergötterung”
Vergötterung (griechisch theosis) ist für die Orthodoxen das Ziel eines jeden Christen. Der Mensch ist nach der Bibel ‘als Abbild Gottes und Gott ähnlich geschaffen.’ Es ist möglich für den Menschen , wie Gott zu werden, vergöttlicht zu werden und durch die Gnade Gottes ein Gott zu werden. Diese Lehre bezieht sich auf mehrere Stellen im Alten und Neuen Testament (Psalm 82 (81),6; II Petrus 1:4), und sie ist im Wesentlichen auch die Lehre von Paulus, obgleich er die Sprache einer Kindes-Adoption gebraucht (Römer 8:9-17; Galater 4:5-7; und des Vierten Evangelium s (17:21-23).
Die Sprache im II Petrus wird von St. Irenäus in seiner berühmten Phrase ‘Wenn das Wort Mensch wurde, dann können auch Menschen Götter werden’, verwandt und zur Norm in der Griechischen Theologie. Im vierten Jahrhundert wiederholt St. Athanasius Irenäus fast wörtlich, und im fünften Jahrhundert sagt St. Cyril aus Alexandria, daß wir Söhne werden durch ‘Teilnahme’ (Gr. Methexis). Vergötterung ist die Zentralidee in der Geisteslehre von St. Maximus, den Bekenner, für den die Lehre die Folge der Inkarnation ist: ‘Vergötterung, kurz gefaßt, ist die allumfassende Erfüllung aller Zeiten und Zeitalter … und St. Symeon, der Neue Theologe, schreibt am Ende des zehnten Jahrhunderts: ‘Wer von Natur aus Gott ist, unterhält sich mit jenen, die er durch Gnade zu Göttern gemacht hat, wie ein Freund sich mit seinem Freund unterhält, von Angesicht zu Angesicht.’
Es sollte schlußendlich erwähnt werden, daß Vergötterung nicht Absorption in Gott bedeutet, weil die vergötterte Kreatur ein abgesondertes Individuum bleibt. Es ist die Gesamtheit des Menschen, Körper und Seele, die im Geist verwandelt wird in ein Abbild göttlicher Natur, und Vergötterung ist das Ziel eines jeden Christen.”
Kurz gesagt, ob man die Lehre der Vergötterung annimmt oder nicht, so war sie doch für Jahrhunderte ganz deutlich ein Teil der Hauptströmung christlicher Orthodoxie. Joseph Smith hat sie sicherlich nicht verfertigt. Die Heiligen der Letzten Tage glauben, daß es sich um eine ewige Wahrheit handelt, wiederhergestellt duch neuzeitliche Propheten.
MODERNE ERKLÄRUNGEN
Der Gesichtspunkt der Heiligen der Letzten Tage ist, daß diejenigen, die würdig sind, die volle göttliche Erbschaft erhalten, einzig und allein durch das Sühnopfer von Christus und einzig und allein, nachdem ihnen eine glorreiche Auferstehung zuteil wurde. Die Gesichtspunkte, die C.S. Lewis äußerte, kommen dem Verständnis, das die Heiligen der Letzten Tage in bezug auf die Lehre haben, näher. Sein echtes Christentum ist im wesentlichen über jeden Zweifel erhaben: „Es ist eine ernste Sache in einer Gemeinschaft von möglichen Göttern und Göttinnen zu leben und daran zu denken, daß die stumpfsinnigsten und uniteressantesten Personen, mit denen man spricht, eines Tages Geschöpfe sein können, die man anbeten möchte, wenn man es jetzt schon wüßte.”
Eine umfassendere Äußerung zu dieser Lehre der Vergötterung gibt C.S. Lewis:
„Das Gebot ‘Seid Vollkommen’ ist kein idealistisches Geschwätz. Es ist auch kein Gebot, etwas Unmögliches zu tun. Er macht aus uns Geschöpfe, die ein solches Gebot befolgen können. Er sagt (in der Bibel), daß wir Götter werden und ER wird SEIN WORT halten, wenn wir es zulassen, denn es ist uns gegeben, Ihn daran zu hindern, wenn wir diese Wahl treffen. Er wird die Schwächsten und die Unflätigsten zu einem Gott oder einer Göttin machen, bezaubernde, strahlende, unsterbliche Geschöpfe, pulsierend mit Energie und Freude und Weisheit und Liebe, wie wir es uns jetzt nicht vorstellen können. Sie sind wie ein heller, unbefleckter Spiegel, der in vollkommener Weise die Göttlichkeit reflektiert (allerdings im kleineren Maße). Er besitzt grenzenlose Macht und Wonne und Güte. Der Prozeß wird lange dauern und teilweise schmerzhaft sein, aber das ist eben unser Los. Nichts weniger. Er meinte, was er sagte.”
Gott und Christus sind der Gegenstand des Gottesdienstes der Heiligen der Letzten Tage. Obgleich die Mormonen an eine schließliche Vergötterung des Menschen glauben, so findet man in den Schriften der Heiligen der Letzten Tage keine Stelle, die eine Verehrung von anderen Wesen als den Vater und den Sohn vorschreibt. Die Heiligen der Letzten Tage glauben an “einen Gott”, das will heißen, sie lieben eine und dienen einer Gottheit, und jedes Mitglied der Gottheit besitzt all die Attribute der Göttlichkeit.
Weil die Schriften lehren, daß diejenigen, die das ewige Leben erwerben, wie Gott aussehen, die Erben Gottes sind, die Herrlichkeit Gottes erhalten, eins mit Gott sind, auf dem Thron Gottes sitzen und die Macht und die Herrschaft Gottes ausüben, sicherlich nicht unchristlich sein können, und somit kann man mit C.S. Lewis und anderen zu der Schlußfolgerung kommen, daß Wesen wie diese Götter genannt werden können, solange wir bedenken, daß der Gebrauch des Begriffs Götter nicht im Geringsten die Souveränität von Gott, unserem Vater, einschränkt. So gebrauchen die frühen Chisten den Begriff, so gebraucht C.S. Lewis den Begriff, und so gebrauchen auch die Heiligen der Letzten Tage den Begriff und verstehen in dieser Weise die Lehre.